Der Satz, über den sich alle Selbständigen ärgern

Wenn ich erzähle, dass ich eine 4-Tages-Arbeitswoche habe und die restliche Zeit Gedichte schreibe, trotzdem aber an diesen vier Tagen große Freude habe – dann höre ich öfter mal: „Mensch, was hast du für ein Glück!

Das ist ein Begriff, über den sich jede Unternehmerin ärgert. Glück?! Ich arbeite seit zehn Jahren ziemlich hart, damit das heute alles so ist, wie ich es haben will.

Das ist kein „Glück“.

Ich habe eine ganze Weile eher sieben Tage die Woche gearbeitet, ich habe auf ein Studium verzichtet, auf Reisen, auf ein Auto (okay, ich hab auch gar keinen Führerschein), ich hab zahllose Abende nicht mit Freunden verbracht, weil ich an meinem Online Kurs oder Notfallwebsitediensten oder einem neuen Blog-Artikel saß …

Das ist nicht nur ein bisschen Beleidigt-Sein, das ist geradezu eine Haltung unter Selbständigen: Wir sind stolz auf das, was wir bauen. Wir können mit Entbehrungen umgehen, wir haben uns entschieden und Wege gesucht und gebahnt, ziehen das jetzt durch und mit Glück hat das, dankeschön, überhaupt nichts zu tun.

Was völlig richtig ist, nur dass es natürlich überhaupt nicht stimmt.

Kürzlich hab ich einen Newsletter erhalten von einem Programmierer, und er fasste in drei kurzen trockenen Punkten zusammen, warum wir alle (die wir hier rumsitzen und Newsletter lesen) ein absolutes Schweineglück haben. Ich zitiere, übersetzt und leicht angepasst:

  • Hast du Internet? Dann hast du Glück. (Über die Hälfte der Weltbevölkerung hat nach wie vor keinen Internetzugang) Quelle
  • Lebst du in einer friedlichen Gegend? Dann hast du Glück. (Derzeit befinden sich beinah 60 Millionen Menschen auf der Flucht) Quelle
  • Verdienst du über 30.000 € im Jahr? Dann hast du Glück. (Du gehörst damit zu den oberen 0.73% der reichsten Menschen der Welt, nach Einkommen berechnet) Quelle

Weltweit gesehen sind du und ich die 1%. Nicht nur die mit den Yachten im See und den Klunkern am Arm. Weiß man alles – und es hilft trotzdem, sich das gelegentlich mal zu sagen und seinen Alltag so in einem größeren Kontext zu sehen.

Ich seufze und revidiere: und wie ich Glück habe. Aber all die anderen um mich eben auch.

Über das Glück und die Selbständigkeit

Lass das nutzen, okay?

Lass uns nicht von diesen Zahlen und den dahintersteckenden Schicksalen runterziehen, sondern lass uns dieses Glück auf irgendeine Art heute nutzen.

Und gleichzeitig: trotzdem und ganz klar dürfen wir stolz sein auf das, was wir als Unternehmer erreichen, wie wir uns und unsere Familien unterstützen und wie wir andere ermutigen. Wir tun ja auch tatsächlich was dafür.

Hier mein neuestes Beispiel, das mich grad total glücklich (he he) macht: Gabi hat Ende letzter Woche meinen Online Kurs zum Website selbermachen gekauft. Diese Woche schickte sie mir eine kleine technische Frage und kurz darauf den Link zu ihrer (extrem schön gemachten) Vorab-Website.

Ich war so beeindruckt von dieser Geschwindigkeit und Entschlossenheit, dass ich bei ihr nachgefragt hab‘, ob sie nicht vielleicht schon mal was mit Websites zu tun hatte. Nö, überhaupt nicht, antwortete Gabi, sie hätte einfach monatelang in der Luft gehangen und nicht gewusst, wohin mit sich – dafür fühle sie jetzt genau, dass diese Selbständigkeit ihr Weg ist und wolle drum keine Zeit mehr verlieren.

Und das fand ich so schön, dass ich das mit dir teilen wollte, denn so ein bisschen Umsetzungs-Schwung können wir doch bestimmt alle gebrauchen, Glück hin oder her.

geschrieben von: Ricarda Kiel

Ricarda Kiel

Ricarda hilft Selbständigen, gute Websites auf die Welt zu bringen und die selber mit mutigen und klaren Texten zu füllen. Sie ist sehr für Unabhängigkeit, und schreibt alle zwei Wochen ermutigende Briefe.

2 Comments

  1. […] Das ist der Satz, über den sich alle Selbständigen ärgern. Behauptet Ricarda Kiel in ihrem Blogpost. Glücklich sind wohl viele Selbständige. Aber mit „Glück“, also einer schicksalhaften, unerwarteten und unkalkulierbaren Fügung hat es weniger zu tun. Harte Arbeit, der Glaube an die eigene Arbeit und die Freude daran sind eher das „Glück“. Das ist der Satz, über den sich alle Selbständigen ärgern. […]

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