Was hält uns auf?

 

INSM

 

Wie gründungsfreundlich ist Deutschland?

Diese interessante Frage stellt die INSM (Initiative neue soziale Marktwirtschaft) und lud am 17.6.2015 zur Debatte um das Gründerklima in Deutschland. Grund genug für mich die Veranstaltung zu besuchen und die Paneldiskussion zu verfolgen. Neben Vertretern der Politik (SPD Bundesministerin Brigitte Zypries und der FDP Bundesvorsitzende Christian Lindner) war auch die Unternehmerin Verena Pausder von Fox & Sheep geladen. Entrepreneurship Forscher Dr. Klaus-Heiner Röhl (IW Köln) präsentierte vorab die Ergebnisse der aktuellen Studie „Innovationen brauchen Freiheit„.

Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: Wie gründungsfreundlich ist Deutschland? Nicht besonders.

Vor allem der große Bürokratieaufwand („administrative Hindernisse“), würden GründerInnen davon abhalten, mit ihrer Geschäftsidee voranzukommen. Außerdem mangele es an “Zugang zu finanziellen Mitteln”, also Venture Capital, oder auf deutsch: Risikokapital. Es wird also zu wenig in Startups investiert, was auch dazu führe, dass es weniger Neugründungen gibt. Zwar wird vom Bund viel gefördert und versucht, damit Unternehmertum attraktiver wird, diese Bestrebungen scheinen aber angesichts der zumeist niedrigen Gründungszahlen nicht ausreichend zu fruchten. Die Ergebnisse der Studie sprechen scheinbar eine deutliche Sprache. “Die Zahl der Unternehmensgründungen ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 40 Prozent gesunken und damit regelrecht eingebrochen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht” heißt es dort. Ist das schlimm? Überall hören wir doch, dass der Arbeitsmarkt so bombig funktioniert – warum also gründen?

Warum wünschen wir uns überhaupt mehr Gründerinnen und Gründer?

Die Frage, wie gründungsfreundlich ein Land ist, ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Die Antwort darauf zeigt, ob ein Land nicht nur offen für Innovation und Neues ist, sondern auch, ob es seine Macherinnen und Macher belohnt, sie versteht und es den Menschen zutraut, selbstständig zu sein.

Ist das in Deutschland so? Warum sollte es so sein? Ganz einfach: Ein Land ohne Gründermentalität kann zwar leistungsstark sein (und seine Beamten und Angestellte sind sozial gut abgesichert), aber es bringt selten etwas Neues hervor. Die Maschine läuft, denn jeder ist ein kleines Rad im großen Getriebe. Entwicklungen vollziehen sich langsamer, manche erscheinen sogar reaktionär. Während woanders auf der Welt die Zukunft gestaltet wird, diskutieren wir über Arbeitsstättenverordnungen, finden das Abschalten von Email-Servern am Wochenende fortschrittlich und regulieren vorsorglich alles, was uns zu neu und unheimlich ist.

Innovation klappt aber am besten, wenn möglichst viele verschiedene Ideen wachsen dürfen und individuelle Gestaltungslust ausgelebt werden kann. Wenn wir frei sind, unsere Potenziale auszuschöpfen und aus eigenem Antrieb Lösungen für die Probleme der Welt finden. Oder einfach Dinge des Alltags mit unseren Dienstleistungen vereinfachen und die Wirtschaft mit eigenen Angeboten mitgestalten. Nicht zu vergessen: es möchten nicht alle für immer ein kleines Rad im Getriebe sein. Die Selbstständigkeit bietet mehr Raum für individuelle Lebensentwürfe und eigene Arbeitsmodelle.

Unternehmensgründungen gelten gemeinhin als Treiber von Innovation und als Motor für Wirtschaftswachstum. Ich sage, Unternehmensgründungen sind die beste Art, Arbeit und Wirtschaft selbst mitzugestalten! Was für eine wahnsinnige Chance!

In der Diskussion ging es mir allerdings am Ende zu sehr um die (fehlenden) Möglichkeiten der Startup-Finanzierung. Zu viel um Startups und zu wenig um die Menschen, die sich bei der Umsetzung ihres Traumes vom eigenen, kleinen (!) Unternehmen mit Behörden überfordert und von Verordnungen drangsaliert fühlen.

Beim Thema Gründen darf die Debatte nicht ausschließlich um Tech-Startups kreisenSo kam natürlich nicht zur Sprache, dass es vielleicht nicht immer das Gelbe vom Ei ist, wenn man seine Idee sofort von irgendwelchen Herren im Anzug finanzieren lässt und damit vom Gründer zum „CEO“ wird. So entstand (wie so oft) der Eindruck, dass eine Unternehmensgründung immer bedeutet, dass erstmal die Kapitalbeschaffung glücken muss, um überhaupt loslegen zu können – auf jeden Fall aber, um „erfolgreich“zu sein.

Für jede Geschäftsidee gibt es die richtige Finanzierung, und man selbst muss wissen, wohin die Reise gehen soll. Venture Capital ist vor allem für risikoreiche Startups und Hightech-Gründungen wichtig – aber nicht jeder möchte als GründerIn unbedingt gleich nichts mehr zu melden haben, ein „Office“ in den Niederlanden und ein „Office“ in Frankreich eröffnen und von heut’ auf morgen die Lohnbuchhaltung für 35 Leute delegieren, anstatt sich um sein Produkt kümmern zu können.

Das zu wollen ist natürlich vollkommen legitim und sei jedem selbst überlassen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass es auch idealistische Unternehmerinnen und Unternehmer gibt, die langsam an ihrer Sache wachsen möchten. Die sich bemühen, Gewinne aus ihrem Produkt zu erzielen, an Gewinnmaximierung aber nicht vorrangig interessiert sind. Wäre es nicht schön, auch diesen Typus von UnternehmerInnen nicht aus dem Blick zu verlieren?

Gefeiert werden Gründer, die viel Geld „einsammeln“, nicht diejenigen, die es aus eigener Kraft verdienen. Kurios. Doch es bleibt wahr: auch mit viel Geld wird aus einer mittelmäßigen Idee keine brillante. Aber aus einem brillanten Konzept kann auch ohne Investoren ein erfolgreiches Unternehmen werden.

Das Problem ist weder der Haufen an Bürokratie noch zu wenig Geld

Aus meiner Sicht führen nicht die nötigen Behördengänge, Formulare und Meldepflichten dazu, das wenig gegründet wird. Von rechtlichen Rahmenbedingungen und steuerlichen Pflichten haben Gründungswillige ja noch gar keine Vorstellung und all das begegnet ihnen erst, wenn das Gewerbe angemeldet oder der erste Euro verdient wurde.

Auch fehlendes Kapital halte ich als Grund nicht für ursächlich: Wer gründen will, kann noch heute anfangen, sich sichtbar zu machen. Und das ist – Internet sei Dank – heute einfacher als je zuvor. Für viele Geschäftsideen werden überhaupt keine riesigen finanziellen Mittel gebraucht. Es wird nur ständig behauptet. Heute ist es möglich, sich nicht von Venture Capital abhängig zu machen. Wenn wir ehrlich sind, planen die meisten gar kein Unternehmen für den nächsten großen Börsengang, sondern möchten endlich dem Hamsterrad entkommen und nach eigenen Vorstellungen arbeiten. Die selbstgewählte Soloselbstständigkeit, vor allem in freien Berufen, zeigt: Es gibt noch Gründergeist! Nicht nur weil es Spaß macht, UnternehmerIn zu sein, sondern auch weil es gar nicht immer nötig ist, wachsen zu wollen! Nicht jedes erfolgreiche Unternehmen braucht heute Büros und Angestellte.

Für mich steht fest, dass die Hemmnisse und Schwierigkeiten bei der Gründung und beim Aufbau eines Unternehmens, die ganzen Unsicherheiten und die Rückschläge, dazu gehören. Die lassen sich auch mit weniger Bürokratie oder mehr Investorengeldern nicht vollständig aufheben. Man kann mit Geld nicht alles lösen.

Was würde Gründerinnen und Gründern wirklich helfen?

Viele Bemühungen von Seiten der Politik sind gut gemeint und auch dringend nötig. Es gibt alles mögliche an Förderprogrammen, Stipendien, Beratungsgangeboten und sogar Initiativen für Entrepreneurship Education an Schulen. Kürzlich wurde zudem eine „neue Gründerzeit“ ausgerufen. Faszinierend!

Aber werden Gründerinnen und Gründer wirklich verstanden? Heutzutage EntrepreneurIn zu sein, kollidiert in der Realität immer noch hart mit der Logik von Behörden und nachteiligen Gesetzgebungen. Anstatt den selbstständigen Lebensentwurf „beschützen“ und damit regulieren zu wollen, und die Entscheidung für die abhängige Beschäftigung in jeder Hinsicht zu bevorteilen, müssten unsere Sozialversicherungssysteme auch Selbstständige besser einbeziehen, ohne sie gleich zur Pflichtversicherung zu zwingen. Wie kann es sein, dass es 2015 immernoch kein modulares System gibt, dass freie Arbeitsmodelle zulässt, und alles wie selbstverständlich auf den „Normalarbeitsplatz“ ausgerichtet ist? Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist – und dafür braucht man keine repräsentative Studie – wohl immer noch Nummer eins auf der langen Liste, warum lieber nicht gegründet wird.

Gut gemeint sind die Hilfestellungen trotzdem. Selbstverständlich braucht es verschiedene, leicht zugängliche Finanzierungsmöglichkeiten, um bestimmte Projekte auf den Weg zu bringen (beispielsweise in der IT- oder Biotechnologie-Branche) oder auch global wettbewerbsfähig zu machen. Klar brauchen wir auch neue Unternehmen, die an der Weltspitze mitmischen und sogar die Maßstäbe setzen. Und sicherlich freut sich jeder, wenn nicht für jede unternehmerische Aktivität ein Berg von Formularen erforderlich ist.

Was aber, wenn nicht Bürokratie oder fehlende Finanzierung Menschen davon abhält, Unternehmen zu gründen? Was, wenn sie einfach nicht selbstständig sein wollen? Und zwar auch weil in unserem Land seit Jahrzehnten die abhängige Beschäftigung glorifiziert und die Selbstständigkeit als unsichere Vorstufe zum Prekariat und bestenfalls als Notlösung verkauft wird? Das wäre schlimm. Und um hier einen Mentalitätswandel zu erreichen, hilft weder Geld noch ein bisschen Bürokratieabbau.

Was in der individuellen Situation wirklich dazu führt – oder eben davon abhält zu gründen – ist letztlich nicht auf alle übertragbar, die sich selbstständig machen wollen. Aber was jedem hilft, der davon träumt, von seinen eigenen Ideen zu leben, ist zu sehen, dass es geht. Was wir wirklich brauchen, sind Vorbilder.

Wichtig für einen echten Kulturwandel hin zu mehr Selbstständigkeit ist vor allem das Zeigen und Feiern von Menschen, die sich nicht aufhalten lassen und angefangen haben, anstatt auf die Politik oder die perfekten Umstände zu warten. Entrepreneurship bedeutet eigentlich aus „nichts“ etwas zu machen. Und nicht unter den besten Voraussetzungen und mit möglichst viel Geld in der Bank.

Es geht!

Und das ist es, was wir mit superwork zeigen möchten. Wir möchten durch unsere Unternehmen und Projekte selbst Vorbilder sein, aber vor allem Raum geben und ein Netzwerk von und für MacherInnen bilden, die auch ihr Leben unternehmen.

Wir brauchen die Inspiration von Menschen, die ihre Arbeit lieben und vor den gleichen Fragen standen, die vergleichbare Risiken auf sich genommen und die neuen Herausforderungen gemeistert haben. Denn nur wenn man sehen und verfolgen kann, dass andere es auch machen und schaffen, wird ein neues Unternehmertum selbstverständlicher.

Eine Gründerkultur lässt sich ohnehin nicht von oben anordnen. Sie entsteht, wenn viele sich für unternehmerische Arbeitsmodelle entscheiden und ein eigenes, von Entrepreneurship getriebenes „Ökosystem“ erwächst. Die Rahmenbedingungen lassen sich sicherlich noch deutlich verbessern – aber hierzulande steht einem, trotz der Bürokratie, relativ wenig im Weg.

Wie gründungsfreundlich ist Deutschland? Je mehr Menschen ihre Art zu arbeiten und zu leben selbstständig gestalten, desto mehr Potenzial hat das Land, um gründungsfreundlich zu werden. Denn es kann von uns lernen, nicht umgekehrt.

Man darf sich nicht aufhalten lassen. Das ist das Plädoyer.

geschrieben von: Catharina Bruns

Catharina Bruns

Catharina ist die von workisnotajob., supercraft und Lemon Books. Entrepreneurin. Autorin. Begeisterte Läuferin. Verwechselt Freiheit nicht mit Freizeit und Arbeit nicht mit „Job“. Work-Life-Balance my ass!

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