Kunst oder Geld?

Ich fühle mich oft genug persönlichkeitsgespalten – zwar nicht im klinischen Sinn, aber im Welchem-Gott-diene-ich-eigentlich-Sinn:

Bin ich der Kunst verpflichtet, der Wahrheit und den Worten, oder dem Unternehmertum, der Freiheit und der Lösung?

Etwa zur Hälfte verstehe ich mich, durch meine literarische Arbeit, meine goldschmiedische Ausbildung, meine intuitive Herangehensweise an die Erstellung einer Website und den Worten darauf, als Künstlerin – und zur anderen Hälfte als Unternehmerin: Ich stelle Selbstbestimmtheit radikal in den Vordergrund meiner Aktivitäten, ich gehe meine Selbständigkeit unternehmerisch an (zum Beispiel durch Magnetprodukte anstatt mit wahllosen Dienstleistungen) und ich unterstütze andere durch strategisches Denken dabei, selbständig und profitabel zu werden.

So weit, so gut. Im Alltag leben diese beiden Herzen meist friedlich genug nebeneinander in mir.

Es reicht allerdings ein einziger Piekser, um beide in Tumult zu stürzen; in einen heftigen Streit darum, wer bedeutender ist.

Bei einem Texttreffen zum Beispiel, in dem wir Schreibende in kleiner Runde gemeinsam unsere Texte lesen und besprechen. Dort werden auffallend viele Gedichte als konsumkritisch und antikapitalistisch gelesen, und es wird schnell behauptet, dass wir alle uns ja einig sein, dass Kapitalismus der letzte Dreck ist.

Ich weiß an sich schon, wie ich das einzuordnen habe. Es schmerzt trotzdem.

Denn ich verstehe mich ja auch als Unternehmerin. Ich habe wenig mit dem porschefahrenden dickbäuchigen Klischee-Kapitalisten zu tun, der in den genannten Texten und Ideen skizziert wird, fühle mich aber trotzdem aus der Diskussion gedrückt. Ich frage mich: Wieso wollen die nicht sehen, dass es auch Möglichkeiten gibt, unternehmerisch Gutes zu tun?

Gleichzeitig hebt der bekannte Zweifel seinen hässlichen Kopf: Vielleicht bin ich gar keine echte Künstlerin, vielleicht verwässere ich mich andauernd, vielleicht darf ich nicht alles wollen.

In die andere Richtung piekst es mich, wenn es um wirtschaftlichen Erfolg geht und ich mich mit anderen vergleiche.

Ich arbeite langsam, ich bin kein Maximierer, ich suche keine Investoren, ich werde in den nächsten Jahren keine Mitarbeiter einstellen, ich brauche keine „sechsstelligen Launches“. Ich habe nicht mal ein richtiges Logo. Und obwohl ich höchst zufrieden von meiner eigenen Arbeit leben kann, frage ich mich in solchen Momenten: Bin ich dann überhaupt eine echte Unternehmerin?

All das ist eigentlich nur eine weit ausholende Einleitung, um zu sagen: Ich mag das neue Buch von meinen Mitsuperworkerinnen Catharina und Sophie.

Denn es ist dermaßen hilfreich, gelegentlich zu hören: So wie es ist, ist es gut.

Die Spannung, die du täglich zwischen deinen Polen aufbaust und aushältst, die ist gut, die gibt Energie. Die gilt es, als solche zu nutzen.

So in etwa sagen die beiden das in ihrem neuen Buch (das vorletzte Woche rauskam und den schönen Namen Frei sein statt frei haben trägt).

Catharina und Sophie erklären darin, dass es den Künstler und den Unternehmer in einem braucht für eine gelungene Selbständigkeit. Was für eine erleichternde Idee! Kein Kampf mehr darum, wer in mir das Sagen und das letzte Wort hat, wer richtig und wer echt ist, sondern eine innere Kooperation. Bei der es auf alle ankommt.

So beschreiben die beiden diese Zusammenarbeit:

Warum ist diese Kombination unschlagbar? Künstler fühlen sich zu ihrer Arbeit hingezogen, auch wenn sie manchmal mit sich hadern und auch wenn sie sich immer unvollkommen anfühlt – sie müssen ihrer Kunst trotzdem nachgehen! Sie empfinden ihre Arbeit als Geschenk und inneren Auftrag. Unternehmer sind Macher, die nach finanzieller Unabhängigkeit suchen und sich bei der Umsetzung ihrer Ideen nicht aufhalten lassen. Sie haben Spaß an Herausforderungen und daran, Lösungen anzubieten. Sie vergessen dabei den Markt nicht. Beide sind Gestalter, nur bedienen sie sich unterschiedlicher Werkzeuge.

Diesen letzten Satz finde ich entscheidend: Das sind keine zwei Personen in mir. Das sind zwei Ausprägungen meiner Persönlichkeit, die unterschiedliche Werkzeuge benutzen.

Hier kannst du das komplette Kapitel über den Künstler und den Unternehmer online lesen. Und hier gibt es das gesamte Buch – das lohnt sich nämlich sehr –, sogar mit Widmung.

Und dann erzähle mir in den Kommentaren: Wie erlebst du die verschiedenen Facetten deiner Persönlichkeit? Ist dir klar, wer wann welche Werkzeuge benutzt? Kannst du die Spannung, die zwischen ihnen entsteht, nutzen?

geschrieben von: Ricarda Kiel

Ricarda Kiel

Ricarda hilft Selbständigen, gute Websites auf die Welt zu bringen und die selber mit mutigen und klaren Texten zu füllen. Sie ist sehr für Unabhängigkeit, und schreibt alle zwei Wochen ermutigende Briefe.

4 Comments

  1. Liebe Ricarda,

    ich kann das Gespalten-Sein zwischen Künstlerin und Unternehmerin so gut nachvollziehen. Im Moment kenne ich die Künstlerin noch besser, aber langsam setze ich mich auch mit der Unternehmerin in mir auseinander – und es wird ein spannender Austausch. In jedem Fall: der Buchtipp ist wunderbar. Gekauft, fast in einem Rutsch durchgelesen – und für sehr gut, aufschlussreich und eindrücklich befunden. Die Künstlerin und die Unternehmerin haben sich danach endgültig entschlossen, als Team zusammenzuarbeiten und gemeinsame Sache zu machen …

    • Ricarda Kiel

      Liebe Bea, ich bin so gespannt auf die Wege, die dein Team gemeinsam macht! Glückwunsch zu dieser wunderbaren starken Entscheidung für die gemeinsame Sache :)

      Und wie toll, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat! Alles Liebe, Ricarda

  2. Gute Gedanken. Die zeigen, wie sehr wir uns immer wieder dualistisch betrachten und auch so handeln – als wären wir jemals nur dies oder das…
    Ich habe viele Jahre gebraucht, um meine unternehmerische Aktivität auch als Kunst wahrnehmen zu können…
    Und freue mich üner die wachsende Community derer, die alles munter kunterbunter mischen, ohne Brei zu fabrizieren.
    Cornelia
    P.S. Ich finde das neue Buch übrigens auch prima.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *