Wer gestaltet eine neue Arbeitskultur? Warum »New Work« eine Frage der Selbstständigkeit ist.

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Als ich mich vor über sechs Jahren selbstständig machte, dann hauptsächlich aus einem Grund: Ich konnte meinen Lebensentwurf nicht mehr mit den Konventionen der angestellten Arbeitswelt vereinbaren. Der Deal, mindestens fünf Tage meiner Woche an einen Job, inklusive seiner fremdbestimmten Rahmenbedingungen zu verkaufen erschien mir zunehmend absurd. Hinzu kam, dass mit den Möglichkeiten des Internets eine riesige Tür aufging, um sich von Jobs und Fremdbestimmung zu lösen und sein eigener Arbeitgeber zu sein.

Wir erwarten heute viel von einem Job: Geld, Sinn, Erfolg, Work-Life-Balance und selbstverständlich Sicherheit. Gleichzeitig monieren viele die Realitäten der abhängigen Beschäftigung. Vor allem in Konzernen und den Großraumbüros, die einst die sichere Laufbahn einer idealtypischen Karriere versprachen, sinkt die Mitarbeiterzufriedenheit(1). Aber der Konzern verspricht Besserung. »New Work« ist das Zauberwort. Neue Freiheiten, neue Bedingungen, »neue Arbeit«. Aber was genau ist so neu an der Arbeit, die wir heute so revolutionär »New Work« nennen? Jobsharing etwa ist bereits seit den 80er Jahren in Deutschland bekannt, Home-Office, Gleitzeit, Sabbatical – alles keine neuen Ideen und selbst die Originalutopie von »New Work – neue Arbeit –  neue Kultur« ist nunmehr über 30 Jahre alt(2).  Die in jüngster Zeit populär gewordene Vorstellung darüber, dass »New Work« vor allem agile Büro-Organisationsstrategien seien, ist nur eine neue Interpretation des alten Begriffes. Eigentlich verband man mit »New Work« die Ideen von Friethjof Bergmann, nicht etwa mit denen der Konzernwelt. Der Vordenker der ursprünglichen Idee einer »New Work Bewegung« sieht das Ganze als DIY-Konzept für eine von der »Knechtschaft der Lohnarbeit« befreiten Welt(!)(3).  

In der aktuellen Auslegung von »New Work« jedoch geht es nicht mehr um DIY, oder darum, wie Bergmann es ausdrückt, »zu tun was man wirklich wirklich will«(4), oder gar um die Befreiung aus dem gegenwärtigen Job-System. Die einstig mutige Utopie ist eine Frage des herkömmlichen »Change Managements« geworden. Jetzt haben die Politik und Konzernwelt New Work für sich entdeckt und tun so, als würde sich die Revolution bei ihnen abspielen. Natürlich ist es auch Aufgabe der Politik und Arbeitgeber für moderne Arbeitsbedingungen zu sorgen, aber was derzeit passiert, ist genau genommen nicht »New Work«, sondern lediglich »New Office«. Und so wird »New Work« auf »Feel-Good Manager«, den perfekten »Wohlfühlarbeitsplatz« ohne Chef oder festen Schreibtisch und Kabellosigkeit reduziert.

Für mich, als Gründerin verschiedener Unternehmen und Projekte hat »New Work« wenig mit internen Veränderungsprozessen in Großraumbüros zu tun, sondern in erster Linie mit den Gestaltungsprozessen für eine selbstbestimmte Arbeitswelt. Mit den Inhalten von Arbeit, mit Gestaltungsfreiheit und der Unabhängigkeit, die eine neue Arbeitskultur bringt. Als ich gekündigt habe, wollte ich keinen besseren Job, ich wollte ein besseres Leben. Und ich wollte nicht warten. Ob nun »New Work« oder »Entrepreneurship« –  es geht nicht um Begrifflichkeiten, auch an der Selbstständigkeit ist erst mal nichts Neues. Neu sind aber die Freiheiten, mit denen sie gestalten werden kann.  Sobald man selbst Mitarbeiter hat, stellt sich natürlich die Frage, wie man ein Unternehmen aufbaut, dass niemanden in Strukturen zwingt, aus denen man selbst geflohen ist. Also setzen Co-Gründerin Sophie Pester und ich auch auf Selbstständigkeit innerhalb unserer Unternehmen und auf besser organisierte Zusammenarbeit, die auf Vertrauen baut, statt auf Kontrolle.

Nicht jeder möchte selbst gründen, aber unsere Erfahrung ist, dass Mitarbeiter freie Formen der Zusammenarbeit und Unterstützung in der Selbstführung sehr schätzen. Dies setzt jedoch die Selbstständigkeit des Einzelnen voraus und das Bewusstsein darüber, welche Inhalte die eigene Arbeit antreiben. Wer mit uns arbeiten will, muss wissen warum. Zu einer neuen Arbeitskultur gehört es zu honorieren, wenn jemand seine Selbstständigkeit entdeckt und seine Arbeit entsprechend über Inhalte definiert. Wir wollen kein System, das Menschen mit Annehmlichkeiten bei der Stange und in Jobs hält, die ihnen nichts bedeuten. Die Arbeit, Zeit und Kreativität aller Beteiligten, die Projekte erfolgreich machen, muss Anerkennung finden und zwar nicht nur in Form von Bezahlung und Sozialversicherungsbeiträgen, sondern auch in Form von Respekt und der Unterstützung selbstbestimmter Arbeitsmodelle. Seiner Verantwortung als Unternehmer kann man auch nachkommen, ohne Abhängigkeiten zu schaffen.

Was für kleine Unternehmen und einige Soloselbstständige schon funktioniert, ist so kaum auf große Organisationen übertragbar. Neben sinngetriebenen Inhalten sind Vereinbarkeit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung Faktoren, die eine neue Arbeitskultur ausmachen, in den meisten Unternehmen aber nicht gewährleistet sind. Und genau aus diesem Grund wird es auch eine Gleichzeitigkeit verschiedener Ausprägungen von »New Work« geben. Es ist also wichtig sich Gedanken darum zu machen, welche Arbeitskultur man selbst mitgestalten will. »New Work« kann eine Freiheitsbewegung und Übernahme von Verantwortung zugleich sein. Dazu gehört es, das »Normalarbeitsverhältnis« neu zu definieren. Dazu gehört es auch, sich nicht als Arbeitnehmer zu verstehen, sondern als Unternehmer seiner eigenen Ideen von Arbeit und Leben. Und es beinhaltet sich ernsthaft Gedanken zu machen, in welcher Gesellschaft man leben möchte. »New Work« wird erst dann richtig interessant, wenn mehr Menschen wirklich anders arbeiten wollen und eigene Konzepte dafür haben. Wenn unsere Sicherungssysteme die Selbstständigkeit und Kombinationen aus Selbstständigkeit und Festanstellung nicht mehr erschweren, sondern honorieren. Wenn mehr Menschen beginnen auf ihre Gestaltungsmacht zu vertrauen, anstatt auf ein Karriere-System, das hauptsächlich Anpassung und Folgebereitschaft belohnt. Nicht irgendein Konzern repräsentiert »New Work«, sondern unabhängige Menschen, mit Ideen, für sich selbst und bessere Formen der Zusammenarbeit.

Die Zeit für eine DIY-Ökonomie und wirklich freie Arbeitsmodelle, die sich auch von herkömmlicher Selbstständigkeit abgrenzen und dafür nach den Prinzipien des Entrepreneurships funktionieren, ist schon lange hier. Es ist nicht nur möglich anders zu arbeiten, es entspricht auch der heutigen Zeit mit neuen Lebensentwürfen, anderen Wünschen und mehr Freiheiten. Der persönliche Wandel geht dem gesellschaftlichen Wandel voraus. »New Work« ist eine Frage der Selbstständigkeit, nicht nur eine Frage des Change Managements besonders moderner Konzerne oder von »Arbeiten 4.0«  auf der politischen Agenda. Ob »New Work« in Zukunft wirklich die Arbeitswelt revolutioniert,  hängt davon ab, wie ernst wir unsere Freiheiten wirklich nehmen. Es geht darum zu wissen, wie man leben möchte, darum, besser zusammenzuarbeiten und seine eigene Zuständigkeit wahrzunehmen, um eine neue Arbeitswelt mitzugestalten. Wer »New Work« will, muss sich etwas aus seiner Freiheit machen. Ansonsten bleibt Arbeit nur ein Job und »New Work« nur »New Office«.

 

Anmerkungen:

(1)  Vgl. Management Blog der Wirtschaftswoche Online. Tödtmann, Claudia: Mitarbeiterzufriedenheit: Immer ungeliebtere Konzerne, geschätzte Familienunternehmen vom 18.9.2015: http://blog.wiwo.de/management/2015/09/18/mitarbeiterzufriedenheit-immer-ungeliebtere-konzerne-geschatzte-familienunternehmen

(2)  Siehe hierzu Wikipedia Eintrag zu Frithjof Bergmann: https://de.wikipedia.org/wiki/Frithjof_Bergmann

(3) Wikipedia Eintrag zu »New Work«: https://de.wikipedia.org/wiki/New_Work

(4) ebd.

Dieser Text ist in leicht abweichender Version bereits erschienen im neuen XING eBook „New Work Book. Aufbruch in eine neue Arbeitswelt – Experten, Impulse, Praxisbeispiele“.

geschrieben von: Catharina Bruns

Catharina Bruns

Catharina ist die von workisnotajob., supercraft und Lemon Books. Entrepreneurin. Autorin. Begeisterte Läuferin. Verwechselt Freiheit nicht mit Freizeit und Arbeit nicht mit „Job“. Work-Life-Balance my ass!

3 Comments

  1. Ein wirklich schöner, klärender und hilfreicher Artikel. Wir diskutieren in einem Konferenz-Projekt zum Thema seit Wochen genau zu diesem Punkt, auch mit Leuten von NANK. Jeder hat irgendein Bild von der Sache, statt genau diese Definition mal vor Augen zu haben ,-). Danke!

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